Lost places – Verlassene Orte erleben

Spannende Atmosphäre, Geschichte hautnah erleben und nicht zuletzt die Aussicht auf unvergleichliche Fotos: vergessene Orte, auch „Lost places“ genannt – ziehen viele (Hobby-) Fotografen magisch an. Eine Anziehung, der auch ich immer wieder gerne unterliege.

Lost places sind Orte, die über einen längeren Zeitraum leerstehen und so dem natürlich Verfall preisgegeben sind. Häufig handelt es sich dabei um Industrieruinen, öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Sanatorien sowie aufgegebene Militärstandorte.

Warum zieht mich ein lost place an?

Zum einen ist es sicher das Abenteuer, einen Ort zu entdecken, in den man nicht mal eben hineinspazieren und sich bequem umsehen kann. Viele lost places sind seit Jahrzehnten sich selbst überlassen und durch Wälder vor ungebetenen Gästen geschützt. So lässt sich hervorragend beobachten, wie sich die Natur im Lauf der Zeit auch größte Gebäudekomplexe zurückerobert: die Farbe bröckelt von den Wänden, Pflanzen wachsen in und auf Gebäuden, Fensterscheiben bersten wegen aufquellenden Fensterrahmen, Wände und Decken stürzen teilweise ein.

Ein anderer Aspekt ist für mich aber auch die Geschichte, die in einem vergessenen Ort lebendig wird. So mache ich gerne auch mal eine kurze Foto-Pause, um mir vorzustellen, wie das Leben an diesem Ort in der lange vergangenen Zeit war: wer hat hier gelebt, welche Geschichte hat das Gebäude?

Wo findet man lost places?

Viele lost places finden sich in Form von Industrieruinen im Ruhgebiet. Eine wahre Schatzgrube für Freunde der verlassenen Orte stellen jedoch die neuen Bundesländern dar: Hier wurden nach der Wiedervereinigung zahlreiche zum Teil sehr alte Betriebsstätten aufgegeben, die sich noch heute im Dornröschenschlaf befinden. Außerdem liegen durch den Abzug des sowjetischen Militärs zahlreiche Kasernen- und Übungsgelände brach. Zu den bekanntesten gehört der seinerzeit wichtigste sowjetische Stützpunkt auf deutschem Boden im Brandenburgischen Wünsdorf, wo bis zu 50.000 Soldaten stationiert waren.

Ein ebenfalls sehr bekannter lost place ist die Lungenheilanstalt in Beelitz, wo ab 1896 in 64 Gebäuden bis zu 1.200 an Lungentuberkulose leidende Patienten behandelt wurden. Gerade Beelitz war lange Zeit ein sehr beliebtes Ziel bei Urban Explorern, Geocacher und Fotografen – bis vor einigen Jahren ein neuer Besitzer das Anwesen erwarb und das Gelände sehr wirksam gegen unbefugtes Eindringen sicherte.

Apropos „unbefugtes Eindringen“: Neben dem Reiz und den fantastischen Motiven, die ein lost place bietet, gibt es zwei ganz wichtige Punkte zu beachten:

Take nothing but pictures, leave nothing but footprints

In den allerseltensten Fällen ist es möglich, einen lost place legal zu betreten – und das aus gutem Grund: Erlaubt einem der Eigentümer das Betreten des Grundstücks ist er auch verkehrssicherungspflichtig. Stürzt man also in einen nicht abgedeckten Kellerschacht oder bricht man durch eine marode Treppe, haftet der Grundstückseigentümer. Wer einen lost place ohne die Erlaubnis des Grundstückseigentümers betritt, begeht damit also unter Umständen Hausfriedensbruch.

Im Gegensatz zu den meisten ungebetenen Gästen, nämlich betrunkenen Jugendlichen, Obdachlosen und Kupferdieben, geht es Urbexern und Fotografen jedoch nicht um Zerstörung, sondern vielmehr um die Dokumentation und künstlerische Umsetzung des Verfalls und das Erleben des morbiden Charmes.

Um auch anderen Fotografen die Möglichkeit zu geben, diese Orte zu besuchen und aus Achtung vor dem Eigentum der Grundstücksbesitzer halte ich mich bei jedem Besuch eines lost places an den Grundsatz „take nothing but pictures, leave nothing butfootprints“. Ist ein Zaun ohne Loch oder kein Möglichkeit vorhanden, ein Gebäude zu betreten, dann ist das zu akzeptieren. Ich möchte alle bitten, diesen Grundsatz ebenfalls zu beachten, um Plätze zu bewahren und das Ansehen der lost place-Fotografen nicht zu beschmutzen.

Kein Foto ist es wert, sein Leben dafür zu riskieren!

Lost places bergen nicht zu unterschätzende Gefahren, weshalb man sie niemals alleine und ohne entsprechende Ausrüstung und Sicherungsmaßnahmen betreten sollte! Ich bin wahrlich kein übertriebener Sicherheitsfanatiker, aber zahlreiche Fälle, in denen Urban Explorer und Fotografen schwere Verletzungen erlitten oder gar zu Tode gekommen sind, lassen für mich nur einen Schluss zu: safety first!

Zur Ausrüstung gehören für mich neben entsprechend reißfester Bekleidung vor allem Sicherheitsschuhe mit trittsicherer Sohle, mindestens eine Taschenlampe mit vollen Akkus, Arbeitshandschuhe und Mückenspray (habe ich zum Glück bisher wesentlich öfter gebraucht als die Sicherheitsschuhe).

Außerdem sollte man keinen lost place ohne Funkgeräte betreten. Da gerade bei ehemals militärisch genutzten lost places wegen dicker Wände (z.B. bei Bunkern) kein Handy-Empfang möglich ist, empfehle ich immer mindestens zwei, meistens mehr Funkgeräte dabei zu haben: eines für jeden „Besucher“ und eines eingeschaltet im Auto. Meldet man sich nicht zu verabredeten Zeiten telefonisch bei einer Person seines Vertrauens (z.B. der Ehefrau), kann diese der Polizei den Standort des Wagens durchgeben und man hat eine Chance, gefunden zu werden, wenn hinter einem die Bunkertür zugegangen oder man in einen Kellerschacht gestürzt ist.

Sich nach möglichen Fluchtwegen umzusehen oder ein Pfefferspray dabei zu haben, hat gerade bei Industrieruinen am Rand von Großstädten schon so manchem Fotografen den Verlust der geliebten und teuren Fotoausrüstung erspart.

Dass man sich vor dem Betreten eines Gebäudes davon überzeugt, dass die Decken und Treppen noch tragfähig sind und keine allzu akute Einsturzgefahr besteht, sollte selbstverständlich sein.

Lost places sind toll, aufregend, faszinierend und werden auch mit Sicherheitsschuhen und Funkgerät nicht langweilig.

Wow…
Es ist bemerkenswert wie Du das Thema beschreibst. Hut ab, dem ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen.
Freue mich schon auf weitere Beiträge von Dir.

Gruß
Sven A.

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